Bericht 18:  Mit Himmelsegel im Bermudadreieck

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Bis Hamburg wollte ich eigentlich nicht mehr schreiben, denn ich erwartete viel Arbeit, ein flottes Vorankommen und viele nasse und kalte Tage, nachdem wir letzte Woche den Äquator überquert und die Breite von Bermuda erreicht hatten. Von hier wollten wir, sobald die Westwinddrift erreicht war, zügig gen Osten segeln. Doch bevor es dazu kam, gab es gestern  große Aufregung und Hektik.

 

 



 

 In der Mittagspause erscholl plötzlich der Ruf:  „Alle Mann an Deck“. Und dann die Order:  „Alle Segel bergen“. Für ein  „warum“  und „wieso“ blieb keine Zeit. Auch ohne Erklärung spürte man Ungewöhnliches: Das Schiff drehte sich um sich selbst. Der  Kapitän stutzte und schrie dann den Wachhabenden an: „Sehen Sie doch! Was für ein großer Wirbel! Wenn der schneller wird und einen Tiefenwirbel bildet, wird es eng für uns. Wir müssen hier raus“.

Nun guckten wir genauer aufs Meer und, wie wenn in einem Waschbecken dessen Stöpsel gezogen wird und das Wasser über dem Abfluss strudelt, so war es jetzt auch hier. Es war plötzlich allen klar, dass wir das Bermudadreieck erreicht hatten. War an den Stories von plötzlich verschwundenen Schiffen doch was dran?

Richtig cool war nur der Kapitän:  „Wir müssen hier raus. Wind gibt es erst ab 100 Meter Höhe. Den müssen wir nutzen, und zwar so:  Wir haben noch Wetterballons. Sofort mit Gas füllen. Das Focksegel auf die Back bringen. An jeder Segelecke ein Seil von 30 Meter Länge anbringen und die vier Tauwerke am anderen Ende verbinden, zusammen mit einem 220 Meter langen Drahtseil. Dann werden fünf Wetterballons an dem Focksegeloberliek befestigt, die das Segel hoffentlich bis in die Windregion über uns heben, wo die Fock sich aufbläst und dann funktioniert wie ein Papierdrachen. Der zieht uns dann hier raus.“.

Trotz großer Hektik wurde konzentriert gearbeitet. Selbst die Maschinisten schleppten die Gasflaschen vom Maschinenraum unter der Poop auf die Back. Jeder, der über die Reling schaute, erkannte den riesigen Seestrudel um uns herum und unsere Hilflosigkeit. Die Kommandos und das Arbeitstempo potenzierten sich  gewaltig.

Waren es 10 oder 20 Minuten, ich weiß es nicht, dann war alles zum Start des Skysegels bereit. Auf Kommando wurden die Wetterballons freigelassen. Langsam zogen sie die Fock in den Himmel. An dem Seiten- und dem Fußliek wurde gezerrt und gezogen, um ein Verhaken mit unserer Takelage zu verhindern. Mit atemberaubender Langsamkeit stieg die Fock höher und höher. Wann würde die Windzone erreicht sein, und würde dann das Segel zu unserem Zugdrachen werden? Es waren wahrscheinlich nur Minuten, aber für mich dauerte es eine Ewigkeit, bis die Fock sich leicht blähte und schneller wurde als die Pamir. Vorsichtig wurde Balance gehalten zwischen der windgefüllten Fock, bis das Segel rund 180 Meter vor uns war. Das war der Moment, das Zugseil auf der Back zu belegen, um damit den Drachen zu unserem Schlepper zu machen.

 

 Schnell nahmen wir 2-3 Knoten Fahrt auf und konnten uns erschöpft den riesigen Wasserwirbel anschauen und beruhigt feststellen, dass wir uns vom Zentrum des Wirbels entfernten.

Unser Himmelsegel hielt himmlisch. Bald wurden wir mit fast 5 Knoten Geschwindigkeit gezogen, immer in die Höhenwindrichtung. Alleine das Segel und der Wind bestimmten unsere Fahrt, völlig ohne unsere Kontrolle.

 

 Als wir den Wasserwirbel nicht mehr sehen konnten, der uns, wie vielleicht anderen Schiffen vor uns, den Untergang hätte bereiten können, gab der Kapitän das Kommando: „Let go!“  Die Skysegelverbindung wurde losgeworfen. Die Fock stieg etwas, flog schneller und verschwand in einer Wolkenwand. Auf die Frage des III. Offiziers, warum wir nicht häufiger Sky-segeln  würden, hörte ich den Kapitän sagen: „Fock weg, Leinen weg. Ballons weg. Das ist zu teuer.“.


 

Zu Bericht 19

Zu allen Berichten Teil II





 



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