Bericht 21: Seemannsgarn?

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In den ersten 12 Stunden meines einwöchigen Urlaubs wurde ich mit haarsträubenden Behauptungen konfrontiert. Zunächst war ein Kurzbesuch beim Kapitän der Schiffsjungenschule in Bremen dran. Als ich ihm im hinteren Schiffsgang des „Segelschulschiffs Deutschland“ entgegen ging, begrüßte er mich mit den Worten: „Du hast ja schon einen richtigen Seemannsgang“. Das mag er zwar so gesehen haben, aber die Wahrheit war eine andere.

Kaum hatte ich den Zug nach Hamburg bestiegen, kam ich ins Gespräch mit einem ca. 40-jährigen Mann. „Pamir“, fragte er, „da war ich auch drauf als 15-jähriger vor 25 Jahren“. Und nun erzählte er, dass über die Reise von Hamburg nach Talcahuano in Chile in 115 Tagen der Journalist und Dokumentarfilmer Heinrich Hauser ein tolles Buch geschrieben habe. Auf dieser Reise seien allein drei Maaten der 23-köpfigen Besatzung aus mehr als 25 Meter Höhe abgestürzt, ein Leichtmatrose tot.

Ein Leichtmatrose fiel vor Montevideo aus dem Fockstag mit Kiefer- und Armbruch. Und beim Absturz des dritten, eines Matrosen, hätten wohl Engel ihn heruntergetragen, denn sein Oberkörper sei auf „außenbords ausgespannte Brasstaue gefallen“, die seine Verletzungen auf ein paar Beulen beschränkten. Nur Armbinden mußte er noch tragen.



Doch für die Segelbedienung wurde es eng: Denn bei zwei Janmaaten war es bereits zu Armbrüchen gekommen und drei weitere waren zu krank, um die Koje zu verlassen. Nun gab es pro Wache nur noch 2-3 Mann. Bei uns bestand jede der vier Wachen aus rund 15 Mann.

Als der Mann dann noch von seiner Arbeitsunfähigkeit vor Kap Horn wegen eines schweren Unterschenkel-Geschwürs erzählte, platzte ich mit der Bemerkung heraus, dass Geschwüre mitunter interessante Eindrücke hinterlassen könnten, wie z.B. beim Kapitän der Schiffsjungenschule vor einer Stunde, der bei mir einen richtigen Seemannsgang beobachtet haben wollte. Das sei natürlich Quatsch gewesen, denn an der Innenseite des linken Oberschenkels hätte ich ein Geschwür, das mich zum Watscheln zwinge. „Ach nee, ist das wahr?“ fragte der Mann, und er schenkte mir dann mehrere Fotos, die er in Talcahuano bekommen habe. Und dann verabschiedeten wir uns nach der Ankunft in Hamburg.




 
Und weiter ging es nach Norden, zu einer kleinen Stadt mit Meereszugang im Osten und dann zu einem kleinen Bahnhof im Westen. Da standen schon in der Novemberabenddämmerung Ulrich, Susen, Jan und Regina als Abholer, während die weiteren Mitglieder meiner Lieblingsschulklasse 1953/54 uns in der Palermo Eisdiele im Stadtweg empfingen. Das „Hallo“ war groß und herzlich und der Druck, viel zu erzählen, merklich. Das mit der Reanimierung der Fliegenfische fanden sie gut. Die ungesungene Geschichte mit dem La-Plata Lied „Don’t cry for me Argentina“ verstanden sie nicht, und die Story mit den drei Eisenbahnerei
gnissen von Paranagua bis Curitiba glaubten sie nicht. Bis auf die Fotos, die man mir am Vormittag geschenkt hatte, war auch keine Bildershow möglich, denn meine zwei 6x9 Filme mit je 10 Aufnahmen, geknipst mit einer Box (für DM 10.- erworben), waren noch nicht entwickelt. Doch die 25 boys and girls waren angenehm und interessiert. Sie hätten sich seit meiner Einschiffung im Juni mit Segelschiffen und ihren Besatzungen beschäftigt.

So sei der schleswig-holsteinische, vor einem Jahr verstorbene Ministerpräsident Friedrich-Wilhelm Lübke(*) schon im Alter von 13 Jahren bei der Seefahrt eingestiegen und hätte alsbald alle nautischen Patente in der Tasche gehabt. Später habe er mehrere tolle Seefahrtromane geschrieben, die wirklich spannender und geheimnisvoller als meine Erzählungen seien. Man gab mir freundlicherweise zwei kurze Ausschnitte aus dem 236 Seiten langen Roman „Kap Sidney Head oder die Hölle in sechzig Tagen“ aus dem Jahr 1943, und zwar:

(*) Friedrich Wilhelm Lübke (1887-1954. Sein sieben Jahre jüngerer Bruder Karl Heinrich Lübke (1894-1972) war von 1959 bis 1969 deutscher Bundespräsident.

Aus dem Roman „Kap Sidney Head oder die Hölle in sechzig Tagen“ [1943)]:

Den letzten Satz aus dem Vorwort:

 Dieses Buch ist deshalb bewusst in der üblichen Seemannsprache geschrieben. Möge es den oft zu Unrecht geschmähten Matrosen, die in Wirklichkeit ganze Kerle mit Kinderherzen sind, den Weg zum Herzen des Volkes öffnen, dann wird es seine Fahrt zu einem glückhaften Ende bringen."   

Letzter Satz auf Buchseite 236:

 Der Glutball der langsam verdämmernden Sonne überstrahlte mit verlöschendem Schein einen zerbrochenen Menschen(**), den das Schicksal am Rand des eben begonnenen Weges schon zermalmt hatte.“

(**) Gemeint ist die Romanfigur, der zweite Offizier der „Königin der Meere“, Rolf Gerken, ein Bauernsohn aus Dithmarschen.

Dann wurde freundlich bedeutet, dass es mir sicher gelingen werde, meinen drei Jahre späteren Einstieg in die Seefahrt aufzuholen, denn über die erzählerischen Qualitäten von Herrn Lübke in seinen Teenie-Jahren sei nichts bekannt. Wenn ich sie bis zu meiner Volljährigkeit in 5 Jahren verbessern könnte, wäre das für meine weitere Zukunft sicherlich hilfreich.

Ich lächelte und schwieg zu den reichlich phantastischen Ausführungen. Harmonisch ging das Treffen früh zu Ende. Es waren ja noch Schüler, die zwei weitere Schuljahre brauchen würden, um die zehnte Klasse abzuschließen.  

Zu HEINRICH HAUSER – Auszug von https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hauser_%28Schriftsteller%29

Heinrich Hauser (* 27. August 1901 in Berlin; † 25. März 1955 in Dießen am Ammersee) war ein deutscher Schriftsteller, Seemann, Weltenbummler, Farmer und Fotograf.

 Leben und Werk

Heinrich Hauser war Sohn eines Arztes und wuchs auf im damaligen Großherzogtum Sachsen-Weimar (vorrangig in Weimar). Mit einem vorfristigen Reifezeugnis trat er 1918 als Kadett ein in die Marineschule Mürwik in Flensburg-Mürwik. Dort war er Augenzeuge der Revolutionsereignisse. Zum Schein schloss er sich kurzfristig den revolutionären Matrosen an. Zurück in Thüringen, wurde er Mitglied des Freikorps Maercker, das zunächst zum Schutz der Nationalversammlung nach Weimar kam. In Halle, Magdeburg und Braunschweig war er beteiligt am Bürgerkrieg der Freikorps gegen die Kämpfer des Arbeiter- und Soldatenrats. Als Ingenieurs-Volontär arbeitete er anschließend in einem Hüttenwerk in Ruhrort. Wegen Folgeschäden nach einem Arbeitsunfall musste Hauser das Ingenieursstudium abbrechen. Er schloss sich einer Torpedobootflottille an und erlebte Ausläufer des Kapp-Putsches, mit dem er sympathisierte. Von 1920 bis 1922 arbeitete Hauser in unterschiedlichen Bereichen, er wurde Schmuggler und studierte einige Semester Medizin. Anschließend war er kurzzeitig als Arbeiter am Hochofen der Rheinischen Stahlwerke. In den Jahren 1923–1930 war Heinrich Hauser als (Leicht-)Matrose auf Handelsschiffen und nahm dort an Fahrten in alle Kontinente teil. [1]

Als Matrose hatte Hauser Beziehungen zu Männern wie Frauen. Zeitweise war er eng befreundet mit Hans Jürgen von der Wense. Er war fünfmal verheiratet, u. a. mit zwei jüdischen Frauen, denen er zur Flucht aus Deutschland verhalf. Er hatte zwei Kinder. Seiner Ehe mit Anna Luise, geb. Block, gesch. Duisberg (1896–1982), einer Tochter Josef Blocks, entstammte die Tochter Helene.

1925 wurde Heinrich Hauser Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung. Hauser schrieb zahlreiche Essays, Reisereportagen und Romane. Besonders beschäftigte ihn das Verhältnis von Mensch und Technik, Stadt und Land. Er gilt als Vertreter der Neuen Sachlichkeit und war als begabter Erzähler vor allem in den dreißiger Jahren beim Publikum erfolgreich. Für seinen zweiten Roman Brackwasser bekam er 1928 den Gerhart-Hauptmann-Preis für Literatur. Im selben Jahr entstand auf einer 6000 Kilometer langen Autofahrt durch das Ruhrgebiet seine Fotoreportage Schwarzes Revier.

Nach 1933 sympathisierte Hauser bis 1939 mit dem Nationalsozialismus, in dem er seine eigenen nationalistischen und rassistischen Überzeugungen verwirklicht glaubte. Vom S. Fischer Verlag verlangte er kurz nach der Machtergreifung, seinem Buch „Ein Mann lernt fliegen“ eine Widmung an den hochdekorierten Jagdflieger und nationalsozialistischen Reichsluftfahrtminister Hermann Göring voranzustellen.[2] Er wanderte 1939 in die USA aus, veröffentlicht aber noch bis zur Papierrationierung 1941 in Deutschland.

Kurz vor der Kapitulation Deutschlands veröffentlichte er in den USA unter dem Titel The German Talks Back einen zu diesem Zeitpunkt Aufsehen erregenden Versuch, das „wahre Deutschland“ abzugrenzen vom nationalsozialistischen Staat.

Im Jahr 1948 kehrte Heinrich Hauser nach Deutschland zurück und wurde für wenige Monate Chefredakteur der gerade von Henri Nannen gegründeten Zeitschrift Stern.

In seinem postum erschienenen Science-Fiction-Roman Gigant Hirn, der im Jahr 1975 in den USA spielt, wird eine Maschine gebaut, die schlicht „Hirn“ genannt wird und das gesamte militärische und zivile Leben steuern soll. Die Intelligenz des „Hirns“ verselbständigt sich aber, es wird zur Bedrohung, weil es sein eigenes Überleben sichern und ein Reich auf der Herrschaft von Maschinen gründen will. Dem Wissenschaftler Semper Fidelis Lee gelingt es schließlich, die Katastrophe zu verhindern

Heinrich Hauser und Opel  (cont.//)
https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hauser_%28Schriftsteller%29  



 



 



Als Buch in allen Buchhandlungen und Internetbuchshops
erhältlich:

Arnd B. Arnd

 PAMIR

1955/56.

Ein Bilderbuch

mit ein paar

Berichten des

Schiffsjungen

Arnd

40 Berichte auf
ca. 190 Seiten
Photochrome mit
über 200 Photos

Herstellung und Verlag:
Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN 9783848211319






 

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