Bericht 29: Haifisch im Taufbecken

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    Da gab es keine Fragen. Taufe am Äquator musste sein. Wir hatten nur wenige ungetaufte Neulinge an Bord bekommen, aber auch die wenigen mussten sauber in der südlichen Hemisphäre ankommen. Wie gehabt war am Vormittag vor der Taufe das Taufbecken an Luke zwei, Backbordseite, aufgebaut worden.

 

    Es war auch zufällig der erste Tag im Jahr 1956, und ich, wie eine Gruppe anderer alter Azubis, hatten vom Ausbildungsoffizier beim Beginn der Vormittagswache um 8 Uhr vernommen, dass wir ab heute Jungmänner seien. Das kam überraschend: Keiner von uns hatte darüber viel nachgedacht, denn grundsätzlich mussten 12 Monate abgedient sein, bevor die erste Beförderung möglich war. Doch Segelschifffahrer lernen schneller, hatte irgendein Gesetzgeber erkannt, und der Bonus dafür war 50% Aufschlag auf die Segelschifffahrzeit. Von Juli bis Dezember 1955 waren sechs Monate, die zählten wie neun Monate, und mit Schiffsjungenschule vom vorigen April bis Juni ergaben zusammen ein ganzes Jahr.

        War das schon eine große Überraschung, kam eine zweite mittleren Ausmaßes hinzu: Ein „größeres Mittagessen“, an das sich eine dritte Überraschung anschloss, die zur größten Verwunderung und Spekulationen aller führte. Weil die meisten sich dem Neujahrsessen in Messen und Mannschaftsunterkünften widmeten und die Wachmannschaft mit dem Wachoffizier ein Problem am Besanmast löste, hatte sich plötzlich ein kapitaler Hai im Taufbecken eingefunden.

        Aus dem einen Meter tiefen Wasser guckte er grimmig und zeigte seine Zähne: blank. Sofort war die Frage in aller Munde, ob etwa ein paar Spaßvögel den Hai gefischt und dann ins Becken bugsiert hatten, oder war er, neugierig wie Haie bekanntlich so sind, von sich aus an Bord gejumpt, um an der Taufe teilzunehmen?

       Was nun tun? Bekannt ist, dass auf Segelschiffen, seit sie die Weltmeere befahren, die Jagd auf den Hai mit einem Fleischköder auf einem kräftigen Haken gerne betrieben wird. Wenn der das miese Angebot verschlingt, wird er an Deck gehievt, erschlagen und filetiert. Das hatte ich noch nie mit eigenen Augen gesehen, hatte aber die Fotos von Heinrich Hauser, die mir vor ein paar Wochen geschenkt worden waren, genau angeschaut (Bericht 21). 

 

 

    
Das sah sehr brutal aus. Die Diskussion ging nun darum, ob man unseren ungebetenen Gast erschlagen oder wieder ins Meer befördern sollte. Es gab wohl ein weiteres halbes Dutzend Ideen, die jeder mit jedem austauschte. Darunter war auch die, den Hai mit nach Montevideo zu nehmen, um ihn einem Zoo zu schenken. Letztlich siegte das Fairnessprinzip. Dieser Hai war nicht ein Opfer eines  Kampfes Mann gegen Kreatur geworden. Zur Versorgung brauchten wir ihn auch nicht. Er war ohne unser Zutun ins Taufbecken gelangt. Keiner reklamierte ihn als Jagdtrophäe. Die Entscheidung fiel eindeutig aus, der Hai soll wieder ins Meer hinaus. Dazu wurde der Backbord-Ladebaum an Luke 2 funktionstüchtig gemacht und der ganze Wasserpool an den Ladehaken gehängt und hoch gehievt. Als er wie ein nasser Sack in der Luft hing, wurde er über die Backbordreling geschoben und dann vom Bootsmann aufgeschlitzt. Während der Gast schnell entwischte erklang in unison in Chorgesang Stärke: Farewell Shark - Happy New Year!

 Provisorisch wurde danach das Taufbecken wieder hergestellt und erneut mit Meerwasser gefüllt. Dann begann die Zeremonie mit dem üblichen Tamm-Tamm und großem Gebrüll. Die Täuflinge wurden ordnungsgemäß gereinigt und mit einer von Neptun selbst unterzeichneten Taufurkunde in der Hand auf die Südhalbkugel entlassen.

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