Bericht 31: Der Dank des 'Commandante' und die Flussfahrt nach Rosario

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 Von der Kohle waren wir schnell befreit, vom Kohlenstaub nicht. Richtig rangeklotzt hatten die Schauerleute und die Kohle, Hieve nach Hieve, in wenigen Tagen aus unseren Luken in viele Dutzend Schuten verbracht. Nach dem letzten Kohleklumpen holten wir den Anker ein, grüßten die Schauerleute und unsere Fußballkumpels auf der Mole nochmals herzlich und machten uns auf den Weg nach Rosario in der argentinischen Provinz Santa Fe. Zunächst waren eine Abend- und eine Nachtfahrt unter Maschine auf dem Rio de La Plata, bestehend aus den Flüssen Parana und Uruguay, angesagt. Oben leuchteten die Sterne und unten wuschen wir den Kohlenstaub aus den Laderäumen. Am Anfang des Rio de La Plata, den wir zur Frühstückszeit erreichten, hielten wir uns halb-links, um in nordwestlicher Richtung auf dem Rio Parana unseren Ladehafen Rosario zu reichen.
 

Kaum hatten wir die Staatsgrenze zwischen Uruguay und Argentinien überfahren, markiert durch eine blaue Tonne, näherten sich auf unserer Backbordseite in rasanter Fahrt ein Zerstörer sowie zwei Torpedo- und zwei Kanonenboote. Der Zerstörerkommandant fragte an, ob er der Pamir einen Besuch abstatten könnte. Das war keine Frage für uns, und mit einer schnittigen Motorbarkasse, bestückt mit wehender Flagge und navy-blue gekleideten Matrosen, erreichte der „Comandante“ unser Schiff und schritt schnurstracks auf unseren Kapitän zu, um den höchst Verblüfften herzlich zu umarmen. Schon fürchteten wir um einen Herzanfall des Alten, als unser Gast seine goldbetresste Mütze abnahm, mit der rechten Hand die Orden und Ehrenzeichen auf der linken Uniformseite glatt strich, um sodann mit donnernder Stimme zu erklären:

„Die Argentinische Marine erkennt die heroische Rolle, die die Pamir im letzten September in Bahia Blanca gespielt hat, im höchsten Maße an! Die Pamir hat damit einen unschätzbaren Beitrag geleistet, den Diktator Juan Domingo Perón außer Landes zu treiben. Dafür gebührten Schiff und Besatzung der Dank unserer Regierung, unserer Marine und unseres Volkes! Weil aber noch nicht aller Widerstand gebrochen ist, begleiten wir die Pamir zu ihrem Schutz mit vier Kriegsschiffen nach Rosario. Betrachten Sie unsere Schiffe als Ehrengarde und Zeichen des Dankes unseres Volkes“!

Dann fragte uns „Comandante“ noch, welche guten Erinnerungen wir von Bahia Blanca mitgenommen hätten. Spontan kam aus aller (Azubi) Munde: Das Lied “Don’t cry for me Argentina”. ‚Comandante’s’ Brustumfang erweiterte sich auf das Doppelte, die Gesichtsfarbe ging ins Dunkelrot und seine Stimme schwoll an:

“Wenn ihr Piefkes meint, das Lied des Diktators singen zu sollen, dann wird das hier als Konterrevolution bestraft. Wie er, ist auch seine 1952 verstorbene Señora Maria Eva Duarte de Perón persona non grata und ein ‘rotes Tuch’ für uns! Dankt eurer Schiffsführung, dass sie nicht eurer Meinung zu sein scheint, denn wäre das so, hättet ihr jetzt umdrehen können. So aber wünsche ich der Pamir gute Fahrt und “by the way“: Wir bauen auch ein Segelschulschiff auf der Werft Rio Santiago mit über 100 Meter Länge. In zwei Monaten ist Stapellauf (*). Kommt wieder und guckt sie euch an. Anruf bei mir genügt!“

 Dann umarmte er unsern Kapitän erneut und war weg. Wir machten uns auf den Weg zum Ladehafen, begleitet von vier Marinefahrzeugen und unterstützt von einem Lotsen.
Wenn der Lotse mit den Begleitschiffen kommunizieren wollte, standen von uns Azubis 12 Mann bereit, auf allen drei Obermarsrahen und gaben die Anordnungen und Bestätigungen in einem weittragenden Singsang weiter. Dies vermischte sich während der Nachtstunden mit den vielfältigen Stimmen aus den sumpfigen Ufern links und rechts des Flusses.
            
           (*) Stapellauf war am 30. Mai 1956. Sie erhielt den Namen „Fragata A.R.A. Libertadwobei A.R.A. für ‚Armada Republica Argentina’ steht.

Doch dann ging etwas in der Kommunikation schief. War es zu dunkel, das Ufer zu laut, wir zu ungenau? Als die Leinen der beiden Kanonenboote auf der Back auf Pollern belegt werden sollten, wurden sie stattdessen auf dem Ankerspill befestigt, dem Gerät zum Ankerheben. Als dann plötzlich aus unterschiedlichen Richtungen an den Leinen gezogen wurde, sagte es kurz KNACK.  Das Spill war kaputt!  Unsere beiden Anker hätten wir noch werfen, aber nicht wieder hoch holen können! Der Bootsmann meinte trocken, das hätte bei dem Alter auch vom Angucken passieren können. Schon vor Morgengrauen wussten wir, dass dies eine längere Reparaturzeit bedingen würde. Doch zunächst legten wir noch am Vormittag – wie schon in Bahia Blanca - an einem stadtentfernten Getreidesilo an.
      Vorher hatten wir uns gebührend beim Lotsen und den Besatzungen unserer Begleitschiffe zum Abschied mit dem Song bedankt:

Auf, Matrosen, die Anker gelichtet,
Segel gespannt, den Kompaß gerichtet!
Liebchen ade! Scheiden tut weh.
>> Morgen geht's in die wogende See.

 Dort draußen auf tobenden Wellen
Schwankende Schiffe an Klippen zerschellen.
In Sturm und Schnee wird mir so weh,
>> Daß ich auf immer vom Liebchen geh.

3. Einen Kuß noch von rosigen Lippen,
Und ich fürchte nicht Sturm und nicht Klippen,
Brause, du See! Sturmwind, o weh!
>>Wenn ich mein Liebchen nur wiederseh.

4. Und find ich die Heimat nicht wieder,
Und reißen die Wogen mich nieder
Tief in den See: Liebchen ade!
>>Wenn ich dich droben nur wiederseh!

Wilhelm Gerhard, 1817

Ich sang inbrünstig und aus vollem Halse mit. Nicht zum Abschied, sondern aus Dank an den Himmel, dass das kaputte Ankerspill uns einige Zeit in Argentinien festhalten würde, denn ohne dessen sichere Verwendung war die Pamir nicht seetüchtig. So waren die Vorschriften.                                              

Doch zunächst öffneten wir die Ladeluken, und metallene Rüssel wurden in unsere vier Luken gesteckt.

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Arnd B. Arnd

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