Bericht 34: Ausguck auf der Back und ueber den Rahen

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Der gestrige Tag wird fuer mich unvergessen bleiben. Es gab zwei Ereignisse. Eines gleich nach Mittenacht und war sau-blöd, das zweite am Nachmittag dagegen ungewöhnlich und himmlisch.

Gleich nach Mitternacht hielt ich pflichtgemaeß für eine Stunde Ausguck auf der Back. Bereits seit Tagen segelten wir hier in der Mitte des Suedatlantiks in einem Seegebiet, in dem seit 100 Jahren kein Dampfer mehr gesehen wurde. Um 00:30 Uhr schlug ich die Schiffglocke einmal an und meldete in Richtung Wachoffizier: „Auf der Back ist alles wohl. Die Lampen brennen hell und klar!“ Dann blickte ich wieder voraus nach Norden auf die sternenüberspannte See.

 

 

 

 Plötzlich brüllte mich von hinten jemand an: „Du hast geschlafen“. Ich erwiderte: „Ich habe nicht geschlafen“. Darauf wieder er: „Ich habe meinen Arm vor deinen Augen auf und ab bewegt. Du hast nicht reagiert“. Ich: „Ich soll doch vorausschauen und mich nicht ablenken lassen!“, usw., usw. Dann rannte er über den Laufsteg zum Mittelschiff und rief: „Der hat geschlafen!“ Dass fand ich nicht witzig, es sei denn, wenn ich tatsächlich im Stehen geschlafen hätte. Können bestimmt nicht viele.

 
Das Ausguck-Highlight kam am Nachmittag. Der 2. Maschinist war ein leidenschaftlicher Fallschirmspringer und Bastler. Auf der letzten Reise hatte er mit dem Kapitän eine Möglichkeit diskutiert, Ausguck über den Mastspitzen zu halten. Für einen Drachen hatte er Fallschirmstoff über dünne Aluminiumrohre und ein paar Bambusrohre gespannt und die Flugtauglichkeit auf der letzten Reise hier im Suedwest Passat für wenige Minuten selber demonstriert. Danach meinte er, einige konstruktive Verbesserungen seien noetig und möglich, aber die Gewichtsgrenze des Drachenfliegers dürfe 65 Kilogramm ni
cht überschreiten. Deswegen hatte für den seit Wochen anstehenden Flugtest mit max. 3 Azubis ein Auswahlverfahren stattgefunden (Freiwillig und unter 60 kg Gewicht). Nach Losentscheid unter sechs Kandidaten blieben drei übrig, und ich gehörte dazu.

 
Ich war um 15:30 als zweiter an der Reihe, und meine Flugzeit sollte laut Plan nicht länger als 12 Minuten dauern. Das ganze Unternehmen war spielend leicht. Es war wie beim Drachenfliegen am Strand. Um den Bauch waren zwei Leinen befestigt. Eine war kürzer als 20 Meter und wurde von mir bedient. Für die andere Leine, mit über 200 Meter Länge, waren zwei Matrosen auf der Royal Rah des Kreuzmastes und zwei weitere auf der Poop (Achterdeck) verantwortlich. Der Ab- und Aufflug am Top des Mastes war durch den hohen Windauftrieb gesichert. Über die riesige Segelfläche vom Kreuzmast-Großsegel (Bagien oder Kreuzsegel) bis zum Kreuzroyalsegel entstand ein starker, vertikal strömender Windschub. Problemlos fing man an zu schweben. Dann steckte man Leine, einen Meter, zwei, fünf und dann zehn Meter und mehr. Jetzt konnte man sogar hoeher als die Mastspitze fliegen und weit schauen, bestimmt 20 Seemeilen. Aufpassen musste man schon. Auch war mir schnell klar, dass dieser Art Ausguck nicht die Zukunft gehoerte. Sicher landete ich wieder auf der Rah.

Eine Gefahr hatte es zu keiner Zeit gegeben. Nur die Aufregung, etwas Tolles zu erleben, war groß gewesen. Solange wir die 20 Meter Leine nicht lösen würden, konnten wir nie an Deck fallen. Sollte diese aber gelöst werden, um vielleicht 50 Meter höher als die Mastspitzen zu fliegen, wäre der Flieger allenfalls ins Kielwasser gefallen und man hätte ihn an der 200 Meter Leine wieder aus dem Wasser gezogen.

 

 

 

 Dem Wachoffizier der Mitternachtswache versicherte ich noch am selben Abend:

„Da oben habe ich auch nicht geschlafen!
Nur vorausgeschaut! Nicht wahr?!“.

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