Bericht 37: Film auf Breitwand-Segel

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Was wir nicht wussten, dass unsere beiden Weihnachtsgäste aufeinander angesetzt waren. Nie wurde der Gegner aus den Augen gelassen. Jede Bewegung wurde zu den eigenen Marineleitstellen gemeldet. Während wir in Südamerika ein wenig Land und Leute gesehen hatten, war der kalte Krieg im Nordatlantik weitergegangen. Aber vielleicht doch nicht so verbissen, wie es aus größerer Entfernung aussehen mag. Die festliche Stunde auf der Pamir unter der weihnachtlichen Beleuchtung über alle Toppen hatte einen Kontaktfaden begründet, der beide Schiffe wieder an unsere Seiten brachte, kaum das wir das Erlebnis mit der Wasserhose hinter uns gelassen hatten.

 

 

 Noch vor Einbruch der Dunkelheit rauschten die beiden Kriegschiffe auf uns zu. Von achteraus kommend, platzierten sie sich wieder an unserer Backbord- und Steuerbordseite. Erneut fragten sie an, ob sie uns mit je einer Gruppe von 25 Sailors einen Besuch abstatten könnten, denn sie hätten sich auf einen Punkt einigen können: In der ganzen Welt gäbe es wohl keine so große Leinwand wie eines unserer unteren großen Segel mit rund 300 Quadratmeter Fläche. Eines davon wollten sie gerne nutzen, um sich die neuesten Filme ihrer Länder anzuschauen. Dies hätten sie schon vor einigen Tagen abgesprochen, als sie hörten, dass wir demnächst hier vorbei kämen. Unsere Fahrt müssten wir allerdings auf unter drei Knoten (ca. 5 km/Std) reduzieren. Die Erlaubnis wurde für eine Zeitspanne von zwei Stunden erteilt; vermutlich, weil unser Kapitän mit einem Abmarsch zum Zapfenstreich um 22:30h –wie gehabt – rechnete.

 Es dauerte keine halbe Stunde, da kamen sie von links und rechts mit mehreren Booten und Sailors in blauer Arbeitsuniform längsseits. Jeder hatte etwas in der Hand, unter dem Arm oder auf dem Rücken. Das war Material, das, jeweils richtig zusammengesetzt, genau zwei funktionstüchtige Filmprojektoren ergab. Sie standen nebeneinander auf dem Ruderhaus mit den Projektoren nach achtern auf das Bagien-Segel. Die Rah wurde noch mittschiffs geriggt, d.h. so gestellt, dass sie Querschiffs stand und der Wind das Segel noch prall auffüllte. The show could start.

 

 

 Es ging tatsächlich aber erst los, als die Ost-West Gegner noch das Problem des Ersten gelöst hatten. Ohne Worte zu wechseln wurde eine Münze zwischen zwei mit je drei Goldstreifen bestückten Offizieren geworfen. Die Rote Flotte fing an. Gezeigt wurde der vor wenigen Tagen uraufgeführte Film Ромео и Джульетта“, der unschwer die Shakespeare Geschichte von Romeo und Julia*), dargestellt von einer tollen Balletttruppe, erkennen ließ.

*) Das Ballett wurde von Sergi Prokofiev im September 1935 komponiert.

 Die Musik quietschte mächtig, weil der Lautsprecher es nicht schaffte, aber das Ballett über das gewölbte Segel schweben zu sehen, überwältigte alle. Auch die Fregatten waren wieder nahe aufgerückt, und die Decks waren voll mit mitschauenden Besatzungen.

 Der Wechsel zu den Amerikanern war fast fliegend, doch der verantwortliche Dreistreifige sprach doch noch ein paar Worte: Heute sei hier eine Fastpremiere des Films, der erst im Juli in die Kinos gehe. Es sei aber nur eine Teilpremiere, denn den Ton könnten sie nicht mit an Bord bekommen. Aber die Musik zum Film hätten sie auf Schallplatten und würden sie vorspielen. Hier ist  der Film: „High Society“ mit Bing Crosby, Grace Kelly, Frank Sinatra und Louis Armstrong, alles in Technicolor: Gute Unterhaltung! Apropos: Vorgestern hat Frau Kelly den Fürsten Rainer III von Monaco geheiratet und nennt sich nun: Princess Grace!“

 Nun tobten farbige Szenen über das Segel, zu denen Worte nicht Not taten. Flotte Musik untermalte den Verlauf. Wohl alle waren auf den Füßen, als Satchmo die Trompete spielte und zusammen mit Frank Sinatra den Song  "Now You Have Jazz" brachte. Aus zwei Lautsprechern wurden die entsprechenden Musikstücke mit Wucht eingespielt. Wie beim letzten Mal waren die Schiffe unserer Gäste „nahe bei“ und die Besatzungen schauten dem Filmspektakel zu.

 

 

 Doch plötzlich war die Stimmung futsch. Unsere Gäste brachen noch weit vor dem Zapfenstreich in Eile auf und waren mit ihren Filmen und Projektoren fast im Sekundentakt von Bord verschwunden. Das Rätsel löste sich für uns erst nach Mitternacht. In der Vierzonenstadt Berlin war die Spannung zwischen den vier Mächten auf den Siedepunkt gestiegen: Der erst zwei Monate alten Armee der Deutschen Demokratischen Republik war von der Sowjetunion gestattet worden, am 1 Mai ihre erste Militärparade auf dem Marx-Engels-Platz in Ostberlin abzuhalten. Da hatte uns der Kalte Krieg doch glatt ein Drittel der „High Society“ genommen und uns unseren Alltag wiedergegeben. Wir konnten damit leben. Unsere Gäste auch? Sie haben sich bisher nicht wieder bei uns gemeldet.

 
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